Adrenogenitales Syndrom

Krankheitsbild Adrenogenitales Syndrom

Was ist ein adrenogenitales Syndrom?
Das adrenogenitale Syndrom (AGS) ist eine vererbte Störung der Hormonbildung in der Nebennierenrinde (NNR), die durch den Mangel biochemischer Stoffe (Enzyme) zustande kommt. Die Vererbung geschieht autosomal rezessiv, das bedeutet, dass entsprechende Anlagen von beiden Eltern an das Kind weitergegeben werden müssen.

Entstehung
Während des menschlichen Stoffwechsels wandeln spezielle Eiweiße, die Enzyme, chemische Stoffe schnell und effizient zu Zwischenprodukten und Endprodukten um. Sie wirken wie ein Katalysator. Mithilfe der so gewonnenen Stoffwechselprodukte wird die Körpermasse aufrechterhalten und Energie gewonnen.

Beim adrenogenitalen Syndrom ist die Funktion bestimmter Enzyme nicht gegeben, die für die Bildung der Nebennierenrinden (NNR)-Hormone Kortisol und Aldosteron notwendig sind. Somit kann die Nebennierenrinde beide Hormone nicht zur Verfügung stellen und ihre für den Körper wichtigen Funktionen nicht erfüllen:

Kortisol
Kortisol zählt zur Gruppe der Glukokortikoide. Zu deren wichtigsten Aufgaben gehört die Bereitstellung von Energie (Glukose, Fettsäuren) in Belastungssituationen (körperlicher und psychischer Stress). Sie wirken entzündungshemmend, unterdrücken die körpereigene Immunabwehr und beeinflussen die Blutbildung, den Wasser- und Elektrolythaushalt sowie den Eiweißhaushalt.

Aldosteron
Aldosteron ist ein sogenanntes „Mineralokortikoid“. Diese beeinflussen die Nierenfunktion und regulieren den Natrium- und Kaliumspiegel im Blut. Des Weiteren sind sie an der Regulation des Blutvolumens und des Blutdrucks beteiligt. Die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) registriert den Mangel an Kortisol und Aldosteron, bildet daraufhin vermehrt ein anderes Hormon, das sogenannte „adrenocorticotrope Hormon“ (ACTH) und setzt es frei. Dieses kontrolliert und reguliert die Produktion der NNR-Hormone: ACTH regt die Nebennieren zur vermehrten Freisetzung von Kortisol und Aldosteron an, wenn zu wenig im Blut vorhanden sind. Aufgrund des Mangels an Enzymen, welche zur Bildung der NNR-Hormone notwendig sind, ist diese Freisetzung jedoch nicht ausreichend möglich. Sie stoppt an der Stelle, an der das jeweilige Enzym fehlt.

Die Enzyme sind Teil desselben Stoffwechselweges und wirken in einer festgelegten Reihenfolge nacheinander. Je nach betroffenem Enzym führt dessen Fehlen zu einer Unterbrechung der Hormonproduktion an entsprechender Stelle des Stoffwechselweges, sodass daraus unterschiedliche Vorstufen der Hormone entstehen. Es kommt zu einer Überproduktion und einer Anhäufung der entsprechenden Vorstufen. Durch die Überstimulation der Hirnanhangsdrüse nehmen die Nebennierenrinden außerdem an Größe zu.

Ein Teil dieser Hormonvorstufen wird über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Vermehrt anfallende Hormonvorstufen des Kortisol baut der Körper zum Teil aber auch über andere Stoffwechselwege in männliche Geschlechtshormone (Androgene) um. Sowohl Männer als auch Frauen haben dann zu viele männliche Geschlechtshormone, welche eine Förderung des Knochenwachstums im Wachstumsalter, eine Vermehrung der Muskelmasse, eine Senkung des Cholesterinspiegels und eine Steigerung des Eiweißaufbaus bewirken.

Krankheitszeichen
Die Krankheitszeichen des AGS sind durch den NRR-Hormonmangel und die Umwandlung der Hormonvorstufen von Kortisol und Aldosteron in männliche Geschlechtshormone bedingt. Sie äußern sich beim weiblichen und männlichen Geschlecht auf unterschiedliche Weise.

Generell unterscheidet man AGS-Formen nach den Enzymen, die für die Störung verantwortlich sind und für die Krankheitszeichen sorgen. In neun von zehn Fällen ist beim AGS die Funktion des Enzyms 21-Hydroxylase gestört. Dies führt entweder zu einem „unkomplizierten AGS“ oder – wie in den meisten Fällen – zu einem „komplizierten AGS“ mit sogenanntem „Salzverlustsyndrom“. In diesem Fall ist die Bildung beider NRR-Hormone gestört. Dies führt zu einer Störung des Salzhaushaltes (Elektrolytstörung): Im Blut ist das Natrium vermindert und das Kalium erhöht. Selten beruhen die adrenogenitalen Syndrome auf einer Störung des Enzyms 11ß-Hydroxylase, das zu einem späteren Zeitpunkt in der Hormonsynthese benötigt wird.

Die „klassische Form“ des AGS macht sich bereits im Säuglingsalter bemerkbar, fast immer ist hier die Funktion der 21-Hydroxylase gestört. Die „nicht-klassische Form“ („Late-Onset"-Formen) kommt erst in der Pubertät zum Ausdruck. Bei dieser Form können unterschiedliche Enzyme von der Störung betroffen sein: die 21-Hydroxylase, die 11ß-Hydroxylase oder die 3s-Hydroxysteroid-Dehydrogenase. Als “Kryptic"-Formen bezeichnet man Enzymdefekte, die ohne wesentliche Symptome verlaufen.

Die vermehrte Bildung männlicher Hormone beim AGS führt beim weiblichen Geschlecht zu einer allgemeinen Vermännlichung (Virilisierung). Sie zeigen bei Geburt ein vermännlichtes äußeres Genital mit vergrößerter Klitoris. Die inneren Geschlechtsorgane (Gebärmutter und Eierstöcke) sind normal ausgebildet. Ohne Therapie bekommen die Patientinnen später keine Regelblutung. Auch die normale weibliche Brustentwicklung bleibt aus. Auffällig ist eine sehr frühe Schambehaarung; generell sind sie stärker behaart und zwar auch an Stellen, die dem männlichen Behaarungstyp entsprechen (wie Brust,  Bauch, Oberschenkelinnenseiten). Man bezeichnet diese männliche Behaarung bei Frauen als Hirsutismus. Unbehandelt sind Frauen mit AGS unfruchtbar.

Männliche Neugeborene sind unauffällig. Bei ihnen setzt durch den Überschuss männlicher Geschlechtshormone die Pubertät vorzeitig ein. Es handelt sich dabei allerdings nur um eine Scheinpubertät, da die Jungen zwar Schambehaarung und einen großen Penis haben, ihre Hoden allerdings noch klein und kindlich sind.

Unbehandelt wachsen betroffene weibliche und männliche Kinder durch den Androgen-Überschuss beim AGS sehr schnell und sind deshalb für ihr Alter zu groß. Allerdings schließen sich auch die Wachstumszonen der Knochen vorzeitig, sodass sie vorzeitig aufhören zu wachsen. Als Erwachsene sind sie deshalb kleinwüchsig. Die Hälfte aller Säuglinge mit AGS leidet zusätzlich unter einem Salzverlustsyndrom.  Dadurch sind sie in den ersten Lebenswochen von einer lebensbedrohlichen Salzverlustkrise bedroht. Die Kinder erbrechen, haben schwere Durchfälle und sind durch die großen Flüssigkeitsverluste ausgetrocknet. Sie wirken teilnahmslos und verlieren stark an Gewicht.

Diagnostik Adrenogenitales Syndrom

Das Aussehen, vor allem das der betroffenen Mädchen, kann bereits im Säuglingsalter den Verdacht auf ein adrenogenitales Syndrom lenken. So weist eine stark vergrößerte Klitoris auf eine erhöhte Produktion männlicher Geschlechtshormone und ein AGS hin. Die Vermännlichung des Genitalbereiches bildet sich unterschiedlich stark aus, sie kann soweit gehen, dass kaum erkennbar ist, dass es sich bei dem Neugeborenen um ein Mädchen handelt. Später lassen die vermehrte, typisch männliche Körperbehaarung der Mädchen sowie das beschleunigte Wachstum bei beiden Geschlechtern ein AGS vermuten. In den ersten Lebenswochen kann ein AGS mit Salzverlustsyndrom auch durch die Salzverlustkrise auffallen.

Besteht der Verdacht auf ein AGS, sind weitere Untersuchungen notwendig.
Im Blut überprüft man die Konzentrationen der Hormone: Da ACTH (adrenocorticotropes Hormon) bei Kortisolmangel von der Hirnanhangsdrüse vermehrt ausgeschüttet wird, ist sein Wert bei Patienten mit AGS erhöht. Außerdem lassen sich erhöhte Werte der Hormonvorstufen von Kortisol und Aldosteron, nicht aber der endgültigen Hormone messen.

Bei einem ACTH-Kurztest wird nach Bestimmung der NRR-Hormonmenge (Hormonspiegel) eine festgelegte Menge ACTH über eine Spritze ins Blut gegeben. Jeweils nach 30 und nach 60 Minuten wird erneut die Menge der NRR-Hormone im Blut gemessen. Ein normaler Anstieg spricht für eine funktionsfähige Nebennierenrinde. Ein unveränderter Wert deutet auf ein AGS hin.

Die Abbauprodukte der Hormone werden über die Nieren ausgeschieden, sodass man sie im Urin bestimmen kann. Bei einem AGS mit Salzverlust liegen außerdem ein messbarer Mangel an Natrium und ein Überschuss an Kalium sowie eine Übersäuerung des Blutes vor.

Eine Untersuchung der Erbinformation auf Veränderungen ist mithilfe einer Blutprobe ebenfalls möglich. Ist in einer Familie bereits ein Kind an einem adrenogenitalen Syndrom erkrankt oder sind Anlagen für die Erkrankung in der Familie bekannt, ist eine vorgeburtliche Diagnostik sinnvoll. Dazu wird entweder das Fruchtwasser oder das Gewebe des Mutterkuchens (Plazenta) auf Veränderungen hin untersucht.

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