Augenverletzungen durch Fremdkörper

Krankheitsbild

Was sind Augenverletzungen durch Fremdkörper?
Fremdkörper, die nicht zur natürlichen Struktur des Auges und seiner Anhangsgebilde gehören, können ins Auge gelangen und dort unterschiedliche Stellen schädigen.

Entstehung
Das Auge ist auf vielfältige Weise vor äußeren Einflüssen geschützt. Die Augenbrauen und Wimpern dienen als Schutzmechanismus vor flüssigen und festen Stoffen, die von oben, unten oder seitlich (beispielsweise durch Verwehungen) das Auge gefährden. Als Schutzreflex bei plötzlicher Annäherung eines Objektes decken die Augenlider in Bruchteilen von Sekunden das Auge komplett ab. Zusammen mit der Tränenflüssigkeit aus den Tränendrüsen reinigen die Augenlider die Augenoberfläche und erneuern mit dem Lidschlag regelmäßig den Tränenfilm. Kleinere Fremdkörper werden durch diesen Mechanismus oft rasch mit dem reflexartig gesteigerten Tränenfluss herausgespült. Trotzdem verbleibt manchmal etwas „im Auge“. Meist handelt es sich dann um Fremdkörper auf der Oberfläche des Augapfels, also auf der Horn- oder Bindehaut.

Fremdkörper können die schmerzempfindliche Hornhaut oder Bindehaut des Auges verletzen und zu Entzündungen des Augenäußeren und -inneren führen. Scharfkantige Fremdkörper, die mit Wucht auftreffen, können den Augapfel regelrecht durchdringen und/oder in die Augenhöhle neben oder hinter den Augapfel gelangen. Dementsprechend unterscheidet man Fremdkörper, die ins Augeninnere eingedrungen sind, von solchen, die in der Bindehaut, der Hornhaut oder der Lederhaut des Auges stecken bleiben. Der Augenarzt unterscheidet oberflächliche Fremdkörper von Fremdkörpern im Augapfel (intraokulare Fremdkörper), weil sie unterschiedlich gefährlich für das Sehen sind und unterschiedlich behandelt werden müssen.

Reizungen oder Verletzungen der Augen durch Fremdkörper können in fast jeder Lebenssituation eintreten. Besonders häufig werden sie verursacht

  • beim Herumbalgen mit Kindern,
  • durch Insektenflug,
  • durch Sandkörner bei Wind oder Zug,
  • durch Kontakt mit Pflanzenteilen im Garten,
  • durch Sportverletzungen,
  • durch Verkehrs- und Arbeitsunfälle.

Am häufigsten sind Augenverletzungen mit und ohne Fremdkörpereinwirkung am Arbeitsplatz beispielweise, wenn man Werkstoffe bearbeitet und dabei Splitter das Auge mit hoher Durchschlagskraft treffen (wie zum Beispiel beim Arbeiten mit Hammer und Meißel) oder wenn heiße oder ätzende Flüssigkeiten oder Feststoffe ins Auge gelangen. Auch Unfälle in der Landwirtschaft gehen nicht selten mit Augenverletzungen einher. Zu den am häufigsten auftretenden Augen-Fremdkörpern gehören kleine rostende Metallpartikel, die bei Schleifarbeiten in der Hornhaut beziehungsweise Bindehaut stecken bleiben.

Das Auge besteht von vorne aus betrachtet

  • aus der durchsichtigen, verschiebbaren Bindehaut, welche die weiße Lederhaut, die eigentliche Hülle des Augapfels, bedeckt;
  • aus der klaren Hornhaut, dem Fenster zur Außenwelt, die einen wichtigen Beitrag zur Brechkraft des Auges liefert;
  • aus der dahinter liegenden Augenvorderkammer, die mit klarem Kammerwasser gefüllt ist;
  • aus der darauf folgenden beweglichen Regenbogenhaut mit der Pupille (Lichteinfallsöffnung, Blendenwirkung);
  • aus Regenbogen-, Horn- und Lederhaut, die am Hornhautrand aufeinandertreffen und die den Kammerwinkel bilden, über den das im Auge gebildete Kammerwasser abströmt, sodass der Augendruck stabil bleibt;
  • aus der sich daran anschließenden klaren Augenlinse, die im gesunden Auge äußerlich nicht erkennbar ist. Sie ermöglicht das scharfe Sehen;
  • aus dem hinter dem äußeren Rand der Regenbogenhaut liegenden ebenfalls ringförmigen Strahlenkörper, der die Naheinstellung vermittelt und durch Absonderung von Kammerwasser den Augendruck aufrechterhält;
  • aus dem dahinter liegenden klaren Glaskörper, der das Augeninnere ausfüllt;
  • aus der dem Glaskörper anliegenden lichtempfindlichen Netzhaut und der gefäßreichen Aderhaut, die den Augapfel von innen auskleiden.

An jeder Stelle des Auges kann ein Fremdkörper Verletzungen nach sich ziehen und dementsprechend vielfältige Beschwerden auslösen. Die meisten Fremdkörper gelangen nur bis zur Oberfläche des Auges, also zur Hornhaut, zur Bindehaut des Augapfels und zur Innenseite der Augenlider. Wenn Fremdkörper in den Augapfel eindringen, spricht man von einer Perforation. Eine perforierende Verletzung kann schwere Schäden verursachen und bedarf der sofortigen Notfalluntersuchung und -behandlung.

Besonders kleine Fremdkörper können aufgrund der kleinen Eintrittspforte äußerlich unauffällig sein. Aus diesen Gründen ist bei Verdacht auf Verletzungen mit oder ohne Fremdkörpereinwirkung an den Augen eine schnelle augenärztliche Abklärung unbedingt notwendig.

Verletzungsbeschwerden
Reizungen der Augen bewirken meist Reaktionen, die dem Schutz des Auges dienen: Das Auge beginnt zu tränen, die Bindehaut rötet sich, ein vermehrter Lidschlag (Augenzwinkern) stellt sich ein. Häufig tritt ein unangenehmes Fremdkörpergefühl oder das Gefühl, Sand im Auge zu haben, auf und verleitet dazu, mit den Fingern am Auge zu reiben. Diese Schutzmechanismen des Auges reichen meist aus, um einen oberflächlichen Fremdkörper zu entfernen. Kurz danach lassen die Beschwerden nach.

Wenn der Fremdkörper in das Augengewebe eingedrungen ist und in der Horn- oder Bindehaut feststeckt, können Schmerzen, eine vermehrte Rötung der Bindehaut, ein krampfartiger Lidschluss, verschwommenes Sehen und eine Schwellung des Augenlides hinzukommen. Dies betrifft oft beide Augen, da das nicht betroffene Auge mitreagiert. Nicht selten verschlechtert sich auch die Sehfähigkeit. Unbehandelt kann es zu schweren Vernarbungen kommen, in deren Folge die Hornhaut sich eintrübt, was dann dauerhafte Sehstörungen nach sich zieht. Auch kann die Hornhaut einschmelzen und das Auge insgesamt eröffnet werden. Wenn ein Fremdkörper in den Augapfel eindringt, wird das Auge unter Umständen undicht. Dann kann es zu Infektionen kommen sowie zur Trübung der Augenlinse oder zu einer Aderhaut- beziehungsweise Netzhautablösung. All dies mindert die Sehleistung. Gefährlich ist die Keimverschleppung oder die Einwirkung von unbemerkten Fremdkörpern im Auge, was innerhalb von Stunden zu schweren Augenentzündungen und ohne Behandlung zum raschen Sehverlust führen kann.

Fremdkörper in der Augenhöhle können weitere Schäden − wie entzündliche eitrige Abkapselungen (Abszesse), Störungen der Augenbeweglichkeit mit Doppelbildern oder Schwellungen in der Augenhöhle mit Sehnervenschäden − zur Folge haben.
Durch Fremdkörper, die Stoffe enthalten, die in das Auge abgegeben werden, können nachträgliche Schäden hervorgerufen werden, zum Beispiel Kupfer, Eisen oder Stoffe organischen Ursprungs (Pflanzen). Außerdem können Fremdkörper Infektionen durch Bakterien oder Pilze hervorrufen, die diesen anhaften oder die durch die Verletzung eindringen können.

Diagnostik

Zuerst tropft der Arzt ein schmerzstillendes Mittel ins Auge, damit der Patient die Augen öffnen und der Arzt das verletzte Auge untersuchen kann. Die Erhebung der Vorgeschichte des Patienten und des Unfallhergangs (Anamnese) ermöglicht dem Arzt ein zielgerichtetes Vorgehen.

Je nach Unfallhergang führt der Arzt eine notdürftige oder eine vollständige Augenuntersuchung durch. Er überprüft beispielsweise die Lidfunktion, die Augenbeweglichkeit und Augenstellung, die Sehschärfe, den Augendruck und das Gesichtsfeld. Außerdem untersucht er die Pupillenfunktion, die Empfindlichkeit der Augen und die Stellung der Augäpfel. Anschließend misst der Arzt den Augendruck. Dann sucht er nach Verletzungen und oberflächlichen Fremdkörpern und Eintrittspforten. Bei Augenprellungen ist eine Untersuchung des Kammerwinkels (Ort des Zusammentreffens der Lederhaut, Regenbogenhaut und Hornhaut) erforderlich sowie eine Untersuchung des Augeninneren bei geweiteter Pupille.

Sollte der Einblick in das Auge behindert sein, beispielweise durch eine Blutung, kann eine Ultraschalluntersuchung Aufschluss über Schäden und das Vorliegen eines Fremdkörpers geben − auch hinter oder neben dem in der Augenhöhle gelegenen Augapfel.

Fremdkörper in der Augenhöhle, aber auch im Augeninneren, werden oft durch eine bildgebende Schnittbildmethode sichtbar gemacht. Die Computertomografie (CT) ist ein bildgebendes Verfahren, durch das ein detaillierter Blick in den menschlichen Körper möglich wird. Eine Röntgenröhre umkreist den Patienten und sendet gleichzeitig ein dünnes Röntgenstrahlbündel aus. Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist ebenfalls ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung des menschlichen Körpers. Sie setzt keine Röntgenstrahlen ein, sondern ein starkes Magnetfeld und Radiowellen. Die Untersuchung dient auch dazu, eine operative Entfernung des Fremdkörpers vorzubereiten. Ein Magnetresonanztomograf kann allerdings durch die Untersuchung bewirken, dass ein eisenhaltiger, magnetisierbarer Fremdkörper oder ein Metall enthaltender Fremdkörper seine Lage verändert. Deshalb sollte diese Untersuchung in entsprechenden Fällen unterbleiben.

Therapie

Entfernung eines oberflächlichen Fremdkörpers
Mithilfe von Tropfen, die den Farbstoff Fluoreszin enthalten und den Fremdkörper abgrenzen sowie Hornhautwunden anfärben, und mithilfe eines Spaltlampenmikroskops wird der Fremdkörper ausfindig gemacht. Der Augenarzt untersucht, ob die Augenhüllen unverletzt sind (Ausschluss einer Eintrittspforte ins Augeninnere). Findet er nur einen oberflächlichen Hornhautfremdkörper, wird dieser unter dem Spaltlampenmikroskop mit einer Lanzette entfernt. Bei der Entfernung oberflächlicher Fremdkörper selbst kommt es selten zu Komplikationen wie etwa Verletzungen, Blutungen mit nachfolgenden Entzündungen und Verklebungen. Fremdkörperreste wie Rost entfernt der Augenarzt mit einem feinen Bohrer. Dieses Vorgehen ist Voraussetzung für eine Abheilung der Wunde und vermeidet Folgeschäden wie Sehminderung durch größere Hornhautnarben.

Entfernung eines Fremdkörpers aus der Augenhöhle
In diesem Fall lässt sich ein operativer Eingriff nicht vermeiden, abhängig vom Ausmaß der Verletzung in örtlicher Betäubung oder Vollnarkose. Ziel ist es, den oder die Fremdkörper zu entfernen, die Wunde zu säubern sowie die Wundränder anzugleichen und zu verschließen, sodass die Sehleistung und alle weiteren Funktionen des Auges erhalten oder wiederhergestellt werden. Je nach Schwere der Verletzung wird die Operation unter Beteiligung anderer Fachrichtungen (Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Zahn-Mund-Kiefer-Chirurg, Neurochirurg) durchgeführt.

Bei Verletzungen des Augapfels mit Linsenbeteiligung kann eine Entfernung der verletzten Augenlinse und der Ersatz durch eine Kunstlinse erwogen werden. Gelangt ein Fremdkörper in den Glaskörperraum, müssen meist Teile des Glaskörpers entfernt werden (Vitrektomie). Zur Erhaltung der Netzhaut kann außerdem eine Laserbehandlung notwendig sein. Der Augapfel muss in jedem Fall verschlossen werden, wenn eine offene Verletzung vorliegt. Weitere operative Maßnahmen können angeraten sein, wie zum Beispiel eine Hornhautverpflanzung. Zusätzlich zu der Operation kommt eine medikamentöse Behandlung mit Tabletten, Infusionen (Flüssigkeitsgabe in den Blutkreislauf, in der Regel über eine Vene) oder Tropfen zur Keimabwehr und Entzündungshemmung infrage.

Nachbehandlung
Um einer bakteriellen Entzündung der Hornhaut vorzubeugen, wird eine Behandlung mit antibiotikahaltigen Augentropfen, Augensalbe oder eine entzündungshemmende Behandlung verordnet, gegebenenfalls mit der Anlage eines Augenverbandes. Um festzustellen, ob sich die Wunde infiziert hat oder sich ein Hornhautgeschwür ausbildet, wird der Heilungsverlauf des Auges innerhalb der nächsten Tage überprüft. Zur Schmerzstillung dienen schmerzstillende Tabletten sowie Salben, die mechanisch lindernd wirken. Schmerzstillende Tropfen werden nicht verordnet, weil sie Patienten daran hindern, komplikationsbedingte Schmerzen wahrzunehmen, die als Warnsignal unverzichtbar sind.

Weitere augenärztliche Kontrollen sind je nach Verlauf notwendig. Sollte eine dauerhafte Beeinträchtigung des Sehvermögens zurückbleiben − zum Beispiel bei beidseitigen Verletzungen der Augen − kann der Augenarzt Hinweise auf Maßnahmen zur Rehabilitation geben.

Prävention/Vorsorge

Vorbeugung ist der beste Schutz, insbesondere am Arbeitsplatz. Denn dort kommt es am häufigsten zu Augenverletzungen durch Fremdkörper. Ein wachsames Auge auf Gefahren und die Kenntnis und Anwendung der Sicherheitsvorschriften sind dringend empfehlenswert. In vielen Arbeitsbereichen ist das Tragen von Schutzbrillen mit splittersicheren Kunststoffgläsern Pflicht. Bei Kontakt mit ätzenden oder heißen Stoffen ist eine schnelle Entfernung der schädigenden Substanz innerhalb kürzester Zeit wichtig. An gefährdeten Arbeitsplätzen müssen Augenduschen und Spülvorrichtungen verfügbar sein, in deren Benutzung jeder Mitarbeiter von den Beauftragten für Arbeitssicherheit eingewiesen werden muss. Im Notfall können andere Flüssigkeiten (Leitungswasser, Trinkwasser und andere) benutzt werden. Bei Verletzungen mit Löschkalk darf vor der völligen mechanischen Entfernung nicht gespült werden, da Wasser die ätzende Wirkung verstärkt.
Die Gefahrstoffdokumentation der am Arbeitsplatz eingesetzten Substanzen gibt Anleitung, welche Erstmaßnahmen zu treffen sind.
Auch wenn die Beschwerden nachlassen und der Fremdkörper sich unter fließendem Wasser ausspülen lässt, sollte man umgehend einen Augenarzt zur Abklärung aufsuchen.

Disclaimer

Dieser Text dient ausschließlich der Information und soll Erkrankten und ihren Angehörigen erste Inhalte vermitteln, um einzelne Untersuchungs- und Therapieschritte besser verstehen zu können. Diese Informationen ersetzen keinen Arztbesuch und sind keine Aufforderung zur Selbstbehandlung und dürfen nicht zur Erstellung eigenständiger Diagnosen und/oder einer Eigenmedikation verwendet werden.
Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Erstellungsdatum: 01.07.2002
Letzte Aktualisierung: 30.11.2018

Herausgeber: Unabhängige Patientenberatung Deutschland, UPD

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