Psychosomatische Erkrankungen

Krankheitsbild Psychosomatische Erkrankungen

Was sind psychosomatische Erkrankungen?
Wenn dauerhafte seelische Belastungen, zum Beispiel im Rahmen von beruflichen und privaten Konflikten sich in körperlichen Beschwerden ausdrücken, dann spricht man von psychosomatischen Erkrankungen. Durch den Einfluss der Seele (Psyche) auf den Körper (Soma) fühlt sich der Patient krank, aber der Arzt findet keine rein organische Ursache. Magen- und Darmbeschwerden, Rückenschmerzen, Ohrgeräusche oder eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körperbildes sind nur einige Krankheitszeichen aus der Fülle individuell völlig verschiedener Leiden. Experten schätzen, dass mindestens 25 Prozent der deutschen Erwachsenen einmal oder dauerhaft an psychosomatischen Beschwerden leiden.

Wie entstehen psychosomatische Erkrankungen?
Häufig steht ein Konflikt am Beginn einer psychosomatischen Störung: Beruflicher Stress oder Beziehungsprobleme mit dem Partner oder der Familie verursachen eine seelische Anspannung, die auf vielfältige Weise auf den Körper einwirkt. Das unwillkürliche (vegetative) Nervensystem wird beeinflusst. Zudem kommt es zu Hormonausschüttungen, die den Stoffwechsel des Körpers verändern und ihn krank machen können. Solche Einwirkungen können auch das Immunsystem beeinflussen.
Die Betroffenen wollen häufig nicht glauben, dass sie seelisch erkrankt sind, da eine körperliche Erkrankung meistens leichter angenommen wird als eine seelische Erkrankung.

Die wichtigsten Auslöser

  • Beruflicher Stress, zum Beispiel Spannungen zu Mitarbeitern oder Vorgesetzten oder ständige Überforderung durch eine zu große Arbeitsmenge (Arbeitsverdichtung)
  • Lebenskrisen, wie zum Beispiel der Tod eines nahen Angehörigen oder Ehekrisen
  • Depression
  • Schwierige Lebensumstände, wie zum Beispiel finanzielle Probleme
  • Innere Konflikte aus der Kindheit

Die verschiedene Arten der psychosomatischen Erkrankung

  • körperliche Beschwerden bestehen ohne ausreichende organische Erklärung, zum Beispiel eine funktionelle Störung des Darmes oder des Herz- Kreislaufsystems
  • eine ernste körperliche Erkrankung, bei deren Entstehung maßgeblich psychische Einflüsse mitwirken, beispielsweise Asthma bronchiale, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, koronare Herzerkrankung
  • eine schwere körperliche Erkrankung, kann ihrerseits psychische Störungen nach sich ziehen (Tumore, Multiple Sklerose)
  • Störungen des Essverhaltens (Magersucht, Bulimie, Übergewicht)

Beispiele für psychosomatische Erkrankungen:

Tinnitus
Das Gefühl, „zu viel um die Ohren“ zu haben, kann sich durch lästige Ohrgeräusche bemerkbar machen. Die Töne sind individuell verschieden, unterschiedlich stark ausgeprägt und für andere Menschen nicht hörbar. Klingeln, Summen, Pfeifen, Brummen, Dröhnen, Knacken, Klopfen oder Zischen können episodenhaft wahrgenommen werden, manchmal auch als dauerhaftes Ohrenklingeln (Tinnitus). Bei den meisten Betroffenen verschwinden die Störgeräusche nach kurzer Zeit wieder. Doch wenn sie über Wochen oder gar ständig bleiben, können sie Schlafstörungen, Depressionen, Angstzustände, Konzentrationsstörungen zur Folge haben.
Für Tinnitus gibt es viele Ursachen. Unter anderem können neben Erkrankungen des Innenohrs, Mittelohrs und Gehörgangs auch Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen oder Fehlstellungen des Kiefers Gründe sein. Ebenso tritt Tinnitus als unerwünschte Nebenwirkung bestimmter Medikamente auf. Die häufigsten Verursacher sind jedoch Lärm und Stress.

Reizdarm-Syndrom
Blähungen, Durchfall, Bauchschmerzen und Verstopfung können über mehrere Monate andauern. Für die gestörte Funktion des Verdauungstraktes können nicht nur vorausgegangene Erkrankungen wie Allergie oder eine bakterielle Darminfektion verantwortlich sein, sondern auch Medikamente, Abwehrschwäche und falsche Ernährung. Gefördert wird das Reizdarm-Syndrom durch Stress und psychische Konflikte.

Reizblase
Die primäre Reizblase gilt als funktionelle Störung, da es typischerweise nicht zu einer Erkrankung der Harnblase kommt; Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Im Mittelpunkt des Beschwerdebildes stehen ständiger Harndrang und häufige Entleerung kleiner Harnmengen, meist bestehen keine Inkontinenz oder Schmerzen beim Wasserlassen. Es kann aber auch manchmal am Ende des Harnflusses durch die Betätigung des Schließmuskels zu brennenden oder ziehenden Schmerzen in der Harnröhre kommen. Der Harndrang tritt besonders in Situationen auf, wenn keine Toilette zur Verfügung steht. Aus Angst, keine Toilette erreichen zu können, ist die Teilnahme am öffentlichen Leben häufig eingeschränkt. Die Bewegungsfreiheit und die Lebensqualität der Betroffenen sinken dadurch erheblich. Die häufigsten Auslöser für die typischen Harndrangsymptome sind emotionaler Stress, Partnerprobleme und andere Belastungssituationen. Es kann sich ein Teufelskreis aus einer erhöhten Fixierung der Aufmerksamkeit auf die Harnblase bilden: Den Betroffenen ist bewusst, dass sie in emotional belastenden Situationen mit einem verstärkten Harndrang reagiert, weshalb sie ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf die Blase lenken. Als Folge davon steigt die vegetative Erregung an, woraufhin tatsächlich ein verstärkter Harndrang einsetzt.

Herz-Angst-Neurosen
Wenn das Herz rast, stolpert, stockt oder kurz auszusetzen scheint, dann steigt die Angst, einen Herzinfarkt oder eine unheilbare Herzkrankheit zu haben. Können organische Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden, dann spricht man von Herz-Angst-Neurosen. Ursachen dafür sind Stress, Wut, Angst oder auch Erfahrungen mit einem Herztod im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. Die vermeintliche Herzerkrankung lenkt von den eigenen Ängsten ab, wodurch diese ihre Bedrohlichkeit verlieren. Indem innere Konflikte auf das Herz übertragen werden, entsteht also eine Art Abwehrmechanismus. Weiterhin neigen Patienten mit Herz-Angst-Neurosen dazu, aus Angst vor einem drohenden „gefühlten“ Herzinfarkt alle körperlichen Anstrengungen zu meiden. Die körperliche Fitness nimmt dadurch ab. Selbst beim einfachen Treppensteigen kann es in der Folge zu Herzklopfen kommen. Und diese mutmaßlichen Herzbeschwerden vergrößern wiederum die Angst. Ein Teufelskreis entsteht.

Chronische Schmerzen
Dauert ein Schmerz länger als sechs Monate an, wird er als Dauerschmerz bezeichnet. Dieser hat oft psychische Ursachen und kann den ganzen Körper betreffen, besonders häufig treten Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen auf. Bei Stress wird die Muskulatur krampfhaft angespannt, es kommt zu einem erhöhten Muskeltonus. Dadurch ermüdet die Muskulatur schneller, die Folge sind Verhärtungen, Verspannungen und Schmerzen.

Psychogener Juckreiz
Menschen, die unter psychogenem Juckreiz leiden, sind innerlich sehr angespannt. Die eigenen Spannungen und Unlustgefühle können jedoch nicht geäußert werden. Juckreizattacken treten meist kurz vor dem Einschlafen auf, bei Langeweile oder Ärger, auch bei geistiger Anspannung und in Wartesituationen. Häufig wird der Juckreiz beim Übergang von Anspannung zur Ruhe wahrgenommen. Aber auch ohne Juckreiz ist exzessives Kratzen Ausdruck eines emotionalen Spannungszustands und wird als „nervöses Kratzen“ bezeichnet.

Essstörungen
Magersucht (Anorexie), Bulimie (Ess-Brech-Sucht), Bulimarexie (Esssucht mit anschließender Einnahme von Appetitzüglern, Abführ- und Entwässerungsmitteln) und das Binge-Eating-Syndrom (Essanfälle ohne Erbrechen) sind psychisch bedingte Formen der Essstörung. Magersüchtige empfinden sich als zu dick, halten strenge Diät oder verweigern die Nahrung vollständig. Sie treiben zusätzlich exzessiv Sport und nehmen in lebensbedrohlichem Ausmaß ab. Hinter der Magersucht stecken oft der Wunsch nach Selbstbestimmung und eine gestörte Körperwahrnehmung. Darunter leiden auch Bulimiker und Menschen mit Bulimarexie. Sie nehmen in kurzer Zeit Unmengen von Nahrung zu sich und versuchen diese danach durch selbst herbeigeführtes Erbrechen oder dem Missbrauch von Appetitzüglern und Abführmitteln wieder loszuwerden. Mögliche Folgen sind Karies, Mangelerscheinungen, Magen-Darm-Beschwerden und Schädigungen der Speiseröhre. Als Ursachen gelten seelische und familiäre Belastungen. Bei Essanfällen ohne Erbrechen entstehen Übergewicht oder Fettsucht (Adipositas). Das kann Folgeerkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen nach sich ziehen.

Diagnostik Psychosomatische Erkrankungen

Wie werden psychosomatische Erkrankungen festgestellt?
Für die Diagnose psychosomatischer Erkrankungen ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Zunächst erfolgen körperliche Untersuchungen, um eine „somatische“ Ursache der Beschwerden auszuschließen. Dazu kann die Überweisung an einen Facharzt nötig werden. Nachdem eine körperliche Erkrankung ausgeschlossen wurde, klärt der Arzt in einem ausführlichen Gespräch, ob beim Patienten persönliche Belastungssituationen vorliegen. Er informiert sich über die Lebensumstände und bereits überstandene Erkrankungen.

Beim Tinnitus kommt neben einer Hörprüfung die Otoskopie zum Einsatz. Hierbei untersucht der Arzt mit einem optischen Gerät die äußeren Gehörgänge des Ohres und das Trommelfell.

Im Blut lassen sich Entzündungsparameter nachweisen. Dazu gehören eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen, eine erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit und eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins (CRP).
Zusätzlich kann die Bildgebung über eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztherapie (MRT) Aufschluss über das Ausmaß eventueller Entzündungen geben oder krankhafte Veränderungen sichtbar machen.
Ein Besuch beim Zahnarzt ist nötig, um eventuelle Probleme mit dem Kiefer abklären zu lassen.

Magersucht lässt sich anhand des gefährlich geringen Körpergewichts diagnostizieren. Niedriger Blutdruck, niedriger Puls, geringe Körpertemperatur, ein Mangel oder ein Überschuss bestimmter Mineralien im Blut, ein Mangel an Schilddrüsen- und Geschlechtshormonen, Blutarmut und eine flaumweiche Körperbehaarung (Lanugo-Behaarung) können ebenfalls auftreten. Um zu ermitteln, ob ein behandlungsbedürftiges Untergewicht vorliegt, hilft der Body-Mass-Index (BMI). Liegt er unter 18,5 spricht man von Untergewicht. Bei Bulimie und Bulimarexie wird ebenfalls das Blut auf den Mineralstoffhaushalt hin untersucht sowie der Blutdruck und die Temperatur gemessen. Durch das Erbrechen kann ein Kaliummangel ausgelöst werden. Der BMI liegt bei Bulimikern meistens im Normalbereich zwischen 18,5 und 25. Übergewicht, das durch Essanfälle ohne Erbrechen entsteht, lässt sich mit einer Gewichtskontrolle feststellen. Der BMI liegt hier bei 25 bis 40 und mehr. Weiterhin überprüft der Arzt Blutzuckerwerte, Blutdruck und Herzleistung.

Um bei einer Herz-Angst-Neurose eine Diagnose zu stellen, schließt der Arzt organische Ursachen für Herzbeschwerden aus. Das geschieht mit Hilfe einer Blutdruckmessung und einer Blutuntersuchung, eines Elektrokardiogramms (EKG). Darüber hinaus können ein Langzeit-EKG und ein Belastungs-EKG Aufschluss darüber geben, ob das Herz organisch krank ist.
Die Diagnose des Reizdarm-Syndroms sollte von einem Gastroenterologen vorgenommen werden. Er tastet die Bauchregion ab und kann so Schmerzstellen und organische Veränderungen wie Verhärtungen ausfindig machen. Eine Darmspiegelung (Koloskopie) und gegebenenfalls eine Magenspiegelung (Gastroskopie) können andere Erkrankungen ausschließen. Weiterhin können Ultraschall, Computer- oder Magnetresonanztomografie, Blut-, Urin- und Stuhlganguntersuchungen, Laktose- und Sorbit-Unverträglichkeits-Tests sowie Testverfahren zum Ausschluss einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms zum Einsatz kommen.

Zum Ausschluss körperlicher Ursachen der Reizblase dienen Urinuntersuchung und Ultraschalluntersuchung, um eine Infektion oder Blasensteine nicht zu übersehen. Mit der Uroflowmetrie wird der Urinstrahl gemessen, der Hinweise auf die Erkrankung gibt. Ein wichtiges Hilfsmittel ist die Blasendruckmessung (Zystomanometrie), mit der sich unwillkürliche Blasenmuskelbewegungen und das Zusammenspiel von Entleeren der Blase und Öffnen des Schließmuskels aufzeichnen lassen. Um organische Ursachen von chronischen Schmerzen auszuschließen, setzt der Arzt Tast- und Blutuntersuchungen, CT und MRT ein und untersucht Muskeln, Sehnen und Gelenke auf Veränderungen.
Ein Facharzt für psychosomatische Medizin oder ein Psychiater/Psychotherapeut übernimmt die weitere Behandlung.

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