Zahnspange – wer braucht sie wirklich?

Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist in kieferorthopädischer Behandlung. Das kann für die Patienten mit hohen Kosten verbunden sein. Über den Nutzen solcher Behandlungen wird immer wieder kritisch diskutiert.
Lesen Sie, wann die Krankenkasse für die Zahnspange zahlt, welche Alternativen es gibt und was man vor der Behandlung klären sollte.

Wann ist eine Zahnspange sinnvoll?

Eine kieferorthopädische Behandlung mit einer Zahnspange kann medizinisch notwendig sein, wenn Fehlstellungen von Zähnen oder Kiefer vorliegen. Entscheidend ist, dass diese Fehlstellungen das Beißen, Kauen, die Artikulation, die Nasenatmung, den Mundschluss oder die Funktion der Kiefergelenke beeinträchtigen oder in Zukunft beeinträchtigen könnte – und dass diese Beeinträchtigung voraussichtlich durch eine kieferorthopädische Behandlung behoben werden kann.

Idealerweise beginnt eine solche Behandlung nach dem 9. Lebensjahr in der zweiten Phase des Zahnwechsels.

Was kostet eine Zahnspange – und wann zahlt die gesetzliche Krankenkasse?

Die Kosten von Zahnspangen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind individuell höchst verschieden. Zunächst gruppiert der Kieferorthopäde jeden Fall in eine von 5 Kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG) ein. Stellt er dabei den KIG-Behandlungsgrad 3, 4 oder 5 fest, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Patienten und Patientinnen, die sich zu Beginn der Behandlung zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr befinden.

Gut zu wissen: Auch bei Fällen, die voraussichtlich komplett von der Kasse bezahlt werden, müssen Eltern zunächst einen Eigenanteil von 20 Prozent (10 Prozent bei gleichzeitig behandelten Geschwisterkindern) tragen. Diese werden nach erfolgreich beendeter Behandlung erstattet. 

Maßnahmen, die lediglich kosmetischen Zwecken dienen, gehören nicht zur vertragszahnärztlichen Versorgung. Sie werden nicht von den Kassen übernommen.

Was zahlt die Krankenkasse?

Wenn die Krankenkasse die Kosten einer Zahnspange übernimmt, zahlt sie für die einfachste Versorgung, die sogenannte „Kassenzahnspange“. Diese muss „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein. Der Kieferorthopäde beziehungsweise die -orthopädin muss gesetzlich Versicherte auf die zuzahlungsfreie kieferorthopädische Behandlungsmöglichkeit hinweisen.

Werden darüber hinaus moderne Behandlungsmethoden und -geräte gewünscht, müssen die Kieferorthopäden über die dadurch entstehenden Zusatzkosten transparent informieren. Die Versicherten schließen vor der Behandlung mit Arzt oder Ärztin eine sogenannte Vereinbarung über privatzahnärztliche Leistungen ab.

Wann bekommt man den Eigenanteil zurück?

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für Patienten mit den KIG-Behandlungsgraden 3, 4 oder 5 nur dann komplett, wenn die Behandlung erfolgreich abgeschlossen wird. Danach erstattet sie auch den Eigenanteil. Wird die Behandlung gegen medizinischen Rat vorzeitig abgebrochen (zum Beispiel, wenn Hinweise zur Mundhygiene nicht befolgt werden), bekommen Eltern ihren 20-prozentigen Eigenanteil grundsätzlich nicht zurück.

Wozu dient ein Heil- und Kostenplan?

Kieferorthopäden sind verpflichtet, ihren gesetzlich versicherten Patienten vor Beginn der Behandlung eine detaillierte Kostenaufstellung mitzugeben, den sogenannten Heil- und Kostenplan. Der Plan erklärt, welche Leistung zu welchen Kosten geplant ist und wer die jeweiligen Kosten übernimmt.

Wann ist eine Zweitmeinung sinnvoll?

Eine Zweitmeinung eines weiteren Kieferorthopäden oder einer Kieferorthopädin kann zum Beispiel sinnvoll sein, wenn es um die Frage geht, ob gesunde Zähne im Rahmen der kieferorthopädischen Behandlung gezogen werden sollen. Auch wenn sich Patienten nur unzureichend von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin aufgeklärt fühlen oder bei einem frühzeitigen kieferorthopädischen Therapiebeginn, lohnt eine Zweitmeinung. 

Lose oder feste Zahnspange: Was ist besser?

Möglich ist die Korrektur von Zahnfehlstellungen und Kieferfehllagen durch herausnehmbare oder festsitzende Apparaturen. Diese können auch kombiniert werden.

Festsitzende Klammern üben über einen längeren Zeitraum eine kontinuierliche Kraft auf die Zähne aus. Das kann die Behandlungszeit im Gegensatz zur Behandlung mit losen Klammern verkürzen. Allerdings kann es durch „feste“ Klammern auch zu einer Überbeanspruchung im Bereich der Zahnwurzeln kommen.

Laut Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) lassen sich folgende Korrekturen am besten mit einer festsitzenden Apparatur durchführen:

  • Zahndrehungen
  • die Behebung eines ausgeprägten Engstands
  • achsengerechte Bewegungen von Zahnwurzeln
  • notwendige Verschiebungen von Zähnen über größere Strecken

Herausnehmbare Spangen sind laut DGMZK gut geeignet für zum Beispiel:

  • die Korrektur eines großen Frontzahnabstands
  • die Verbreiterung von Zahnbögen
  • die Vorverlagerung des Unterkiefers unter Nutzung des Wachstums
  • die Korrektur von Funktionsstörungen des Gebisses

Wie funktioniert eine festsitzende Zahnspange?

Die festsitzende Zahnspange besteht im Grundsatz aus Plättchen (den sogenannten Brackets), Metallbändern, Drähten und Hilfsteilen. Die Brackets werden auf die Zähne geklebt. Es gibt Brackets aus Kunststoff, Metall und aus Keramik (die „zahnfarbenen“ Brackets) sowie kleinere, sogenannte Minibrackets.

Mit speziellem Zement werden zusätzlich Metallbänder an den Backenzähnen befestigt. In die Bänder und Brackets werden dann Bögen oder Drähte eingepasst, die sie miteinander verbinden. Festsitzende Klammern üben ununterbrochen einen leichten Druck auf die Zähne aus, die bewegt werden sollen.

Was ist eine Außenspange?

Ein sogenannter Gesichtsbogen (auch Headgear genannt), besteht aus einem Innenbogen, der mit den oberen Backenzähnen verbunden wird, und einem Außenbogen mit Nackenspanne. Ziel ist es, die oberen Backenzähne durch intensives Tragen nach hinten zu schieben. So soll Platz geschaffen werden, um vorstehende Schneidezähne zurückbewegen zu können.

Gibt es auch eine festsitzende „unsichtbare“ Zahnspange?

Ja. Die sogenannte Lingualspange wird innen, also auf der Zungenseite der Zähne befestigt und ist so von außen nicht sichtbar. Dieses Verfahren erfordert einen deutlich größeren Aufwand als die herkömmliche festsitzende Apparatur und ist daher auch wesentlich teurer.

Die zusätzlichen Kosten einer innen liegenden „unsichtbaren Spange“ werden von den gesetzlichen Kassen nicht erstattet.

Was hat es mit kieferorthopädischen „Schienen“ auf sich?

Auf dem Markt gibt es herausnehmbare und transparente Kunststoffschienen. Bekannt sind vor allem zwei Methoden: Aligner und Invisalign. Im Verlauf der Behandlung kommt eine Serie von Schienen zum Einsatz, die individuell angefertigt werden. Mit ihnen kann die Zahnstellung in kleinen Schritten korrigiert werden. Die Kosten werden von den gesetzlichen Kassen nicht erstattet.

Was ist bei „festen“ Spangen zu beachten?

Bei einer festen Spange ist eine überdurchschnittlich gute Mundhygiene nötig. Ansonsten drohen Zahnschmelzschädigungen, Karies und Zahnbetterkrankungen.
Eine festsitzende Spange muss darüber hinaus in der Regel alle vier bis sechs Wochen ärztlich kontrolliert werden. Passiert das nicht, können durch Lockerung der Bänder und der Brackets Nischen entstehen, in denen sich Bakterien ansiedeln können. 

Was ist bei herausnehmbaren Spangen zu beachten?

Herausnehmbare Spangen wirken nur, wenn sie auch tatsächlich eingesetzt werden. Sie sollten nachts durchgehend und mindestens einige Stunden am Tag getragen werden, kleinere Spangen auch ganztags. Herausnehmen sollte man die Klammern beim Essen und beim Sport. Die Spange muss regelmäßig kontrolliert und nachgestellt werden. Sie sollte täglich gereinigt werden. Auch eine gute Mundhygiene ist notwendig.

Sind außervertragliche Leistungen (AVL) im Rahmen der kieferorthopädischen Behandlung sinnvoll?

Das kommt immer auf den Einzelfall an. Tipp an die Eltern: Lassen Sie sich und dem Kind bei der Entscheidung über eine Zahnspange das Kassenmodell und alternative Selbstzahler-Modelle von den Kieferorthopäden zeigen und vergleichen Sie die Unterschiede. Ein Kassenmodell ist nicht per se schlecht. In jedem Fall erfüllt es den medizinischen Zweck auf wirtschaftliche Weise.

Können auch Erwachsene noch Zahnspangen tragen?

Ja. Auch bei erwachsenen Patienten können viele Zahnstellungsfehler mit guten Aussichten auf einen bleibenden Erfolg korrigiert werden. Allerdings kommt es auf den Zustand des Zahnhalteapparats, Zahl und Zustand der Zähne an. Bei schweren Fehlstellungen kann zusätzlich zur kieferorthopädischen Behandlung eine Kieferchirurgische Kombinationstherapie angezeigt sein.

Bei der Verwendung fester oder herausnehmbarer Geräte hängt der Therapieerfolg Erwachsener genauso von der Mitarbeit ab wie bei jungen Patienten. Wichtig ist es daher, die herausnehmbaren Geräte regelmäßig zu tragen, die Anweisungen zur optimalen Mundhygiene zu befolgen und die Kontrolltermine einzuhalten.

Wann trägt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Kieferorthopädie bei Erwachsenen?

Die Kasse übernimmt nur in wenigen Ausnahmefällen die Kosten für eine kieferorthopädische Behandlung, die nach Beendigung des 18. Lebensjahres beginnt. Solche Ausnahmen treten beispielsweise ein bei Versicherten mit schweren Kieferanomalien, die ein Ausmaß haben, das den Einsatz von kombinierten kieferchirurgischen und kieferorthopädischen Behandlungsmaßnahmen erfordert.

Solche Fälle können zum Beispiel vorliegen:

  • bei angeborenen Missbildungen des Gesichts und der Kiefer
  • bei Fehlstellungen der Kiefer (skelettale Dysgnathien)
  • bei verletzungsbedingten Kieferfehlstellungen

Diese Fragen sollten Sie vor der Behandlung klären:

  • Wie hoch ist die Erfolgschance?
  • Welche Alternativen gibt es?
  • Welche Risiken bestehen – und was passiert, wenn nicht behandelt wird?
  • Welche Kosten kommen auf die Eltern zu?

Ihr Kind soll eine Zahnspange bekommen und Sie haben Fragen rund um die Therapiemöglichkeiten, Modelle, Behandlungsdauer, Risiken und Kosten? Das Team der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) beantwortet Ihre Fragen gern.

Sie erreichen die UPD an 80 Stunden in der Woche kostenfrei unter der Telefonnummer 0800 011 77 22 (montags bis freitags von 8.00 bis 22.00 Uhr und samstags von 8.00 bis 18.00 Uhr). Weitere Informationen und Beratungsangebote: www.patientenberatung.de

Disclaimer

Dieser Text dient ausschließlich der Information und soll Erkrankten und ihren Angehörigen erste Inhalte vermitteln, um einzelne Untersuchungs- und Therapieschritte besser verstehen zu können. Diese Informationen ersetzen keinen Arztbesuch und sind keine Aufforderung zur Selbstbehandlung und dürfen nicht zur Erstellung eigenständiger Diagnosen und/oder einer Eigenmedikation verwendet werden.
Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Quellen


Erstellungsdatum: 14.01.2019
Letzte Aktualisierung: 22.01.2019

Herausgeber: Unabhängige Patientenberatung Deutschland, UPD

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